Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber irgendwie habe ich hier das Gefühl einfach a-l-l-e-s machen zu können. Unendliche Weiten und niemanden interessiert es welche Religion du hast, wie du ausschaust, warum du hier bist & vor allem was du mit deiner Zeit hier anfängst.

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Unser Plan: fernab der Zivilisation Wildnis pur zu erleben. Im schicken Mietswagen – ein schwarzer Jeep – ging es 6 Stunden auf dem Highway Richtung Killarney Nationalpark. Heißt ja nicht, dass schon die Autofahrt zum Abenteuer werden muss. Nach mehreren kleinen Stopps – um die Beine zu vertreten – mal auf Toilette zu gehen – etwas zu essen – oder um ein lebenswichtiges Utensil aus dem Kofferraum zu fischen – kamen wir mitten in der Nacht im Park an. Problem: kein Schlafplatz. Alternativen: Auto – Zelt aufbauen – freier Himmel. Ich entschied mich super mutig für Letzteres und breitete meinen Schlafsack direkt neben dem Auto auf dem Schotter aus. Meine Logik: neben dem Auto ist es vielleicht ein bisschen wärmer und wenn nicht, dann zumindest windgeschützt. Ich zog alles an, was ich dabei hatte. Nur ein kleiner Schlitz blieb, mit dem ich die Schönheit der Nacht genießen konnte. Klarer Himmel & Sternschnuppen. Ich wünschte mir, diese Nacht zu überleben. 0 Grad. Wind. Ich schlief keine Minute. Drehte mich von einer Seite zur anderen. Verknotet im eigenen Schlafsack. Na t-o-l-l!

Irgendwann wachte jemand auf. Erleichterung. Befreiung. Aufstehen. Guten Morgen. Die Sonne schien – es war verdammt kalt. Trugschluss. Frühstück: Haferschleim. Egal: es war warm.

Um zu unserem endgültigen Zeltplatz zu gelangen mieteten wir Kanus. Er war nur auf dem Wasserweg erreichbar. Bell Lake. Einen kompletten Tag verbrachten wir mit der gesamten Ausrüstung im Kanu. So wie das Marmeladenbrot immer mit der Marmelade nach unten fällt, kommt auch bei sportlichen Anstrengungen der Wind immer von vorne. Meine Handschuhe waren schneller nass als ich reagieren konnte. Ich fror. Das Positive daran: ich paddelte schneller. Schwieriger als das Vorankommen gestaltete sich die Lenkung. Vor uns kreuzte ein anderes Kanu und steuerte unaufhaltsam gegen einen Felsen. K-r-a-c-h! Angekommen. Ich konnte ein kleines schadenfrohes Lachen nicht verkneifen. Auf meinen Kanupartner war Verlass: er kannte sich aus. Sicherheit. Der Wind legte sich. Ich begann den Ausflug zu genießen. Bis zur nächsten Unannehmlichkeit. Portage. Heißt, alle Mann und Kanus raus aus dem Wasser und bis zum nächsten See 700m tragen. Männer: Kanus. Frauen: Gepäck. Mein Frieren wandelte sich in Schwitzen und mein schadenfrohes Lachen in Fluchen.

Danach endlich eine wohlverdiente Pause. Ich schlief ein und begann leise vor Erschöpfung zu schnarchen. Oder laut? P-e-i-n-l-i-c-h! Nachdem alle mal herzhaft über mich gelacht haben fuhren wir weiter.

Unser Zeltplatz: eine kleine freie Stelle an einer Felsklippe. Weit & breit kein Mensch. Keine Annehmlichkeiten der modernen Welt. Auf der Suche nach einer Toilette fand ich eine Holzbox á la Plumpsklo. Mitten im Wald. Einsehbar. Hier kriegen mich keine 10 Pferde drauf! Das war dann auch schon die einzige Art „sanitärer Einrichtung“. Dusche: der See. No w-a-y! Als wir uns abends ins Zelt legten hasste ich mich selbst dafür, mitgekommen zu sein. Wie schön wäre es jetzt zuhause bei einer heißen Schokolade, einem guten Buch und leiser Musik. Stattdessen: kalter Wind, unbekannte Geräusche, harte Unterlage. Meine Arme schliefen ein und schmerzten. Dafür war ich wach. Geschützt in der Mitte des Zeltes: die Jungs hatten wir – im Falle eines Bärangriffes; man kann ja nie wissen – außen positioniert, was mir schnell zum Verhängnis werden sollte. Ich musste mal. Getrieben von der Vorstellung nicht in die Hose machen zu wollen und der Angst, nicht allein nachts das Zelt zu verlassen, befand ich mich in einer Zwickmühle. Es half nix. Ich musste raus. Das halbe Zelt aufweckend bahnte ich mir den Weg nach draußen. „Ich komm mit!“ hörte ich plötzlich. Gott sei Dank. Anschließend schlief ich wie ein Baby. Am nächsten Morgen beschwerte sich zwar unser Zeltgenosse, dass „die zwei Brunsgundeln“ gestern alle aufgeweckt hätten, aber das war mir egal. Frühstück: Haferschleim. Egal: es war warm.

Tages-Mission: Besteigung des „Silver Peek“. Kein Problem: stolz blickte ich auf mehrere Jahre Österreich-Urlaub mit meinen Eltern zurück. Leider musste ich schnell feststellen, dass die mich kein Stück weiter brachten. Der Weg war matschig, felsig, steil, uneben und befand sich im ständigen auf und ab. So wie auch meine Stimmung eine ständige Berg- & Talfahrt machte. Fast schon automatisch setzte sich ein Fuß vor den anderen. Von der Landschaft bekam ich nichts mit. Mein Blick war gesenkt. Ich schwitzte wie verrückt und überlegte, ob ich schon jemals so etwas Anstrengendes in meinem Leben unternommen hatte…N-e-i-n.

Ausblick: Geschafft! Weitblick: Sensationell. Rückblick: genauso schwer! Ich nahm mir fest vor heute im See zu baden. Egal wie kalt es ist. Ich muss aus dieser Haut raus.

Am Zeltplatz angekommen setzte ich meinen Plan in die Tat um: Badeanzug – kurzes Zögern – S-p-r-u-n-g. Meine Poren schlossen sich. Ich spürte wie sich alles Verkrampfte. Tapfer nahm ich die Seife und versuchte unter starkem Zittern ein bisschen Hygiene zu betreiben. Die Anderen schauten zu: Popcorn fehlte um diese Show abzurunden. So schnell wie ich im Wasser war, sprang ich auch wieder raus. Eine angenehme Wärme durchzog meinen Körper und ein Lächeln meine Lippen. Erlösung. Ein neuer Mensch. Zum ersten Mal war ich froh dabei zu sein. Mit lustigen Gruppenspielchen am Lagerfeuer und Wodka hob sich die Laune noch ein zweites Mal. Fast war ich schon traurig drüber, dass es morgen vorbei sein sollte…

Abreise: ein langer Kanuweg zurück zu den Autos. Uns überkam der Ehrgeiz und wir wählten eine neue – längere – Strecke. Wir waren eingespielt. Im Fluss unserer Paddel floss unsere Unterhaltung. Harmonisch. Na gut, kleine Ausnahmen bestätigen die Regel.

Am Horizont: die Anlegestelle. Schon verrückt dieses Wochenende. Da verbringt man die Zeit in absoluter Abgeschiedenheit und dann setzt man sich wieder in seinen komfortablen Jeep und fährt zurück in den Alltag als wär nix gewesen.

Zuhause: lange warme Dusche – Haarvolumenspray – Gesichtsmaske – Bodylotion – heiße Schokolade – Seidenhemdchen – Kuschelsocken – Musik – Fernsehabend mit meinen Mitbewohnern, denen ich davon berichte, wie a-b-e-n-t-e-u-e-r-l-i-c-h ich doch bin…

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