Wie wir eine Stadt wahrnehmen, ist durch vielerlei Merkmale geprägt: unsere Erinnerungen, unsere materielle oder biologische Verfassung, Wünsche, Ortskenntnisse, kulturell vermittelte Bilder oder Erzählungen. Immer – obwohl wir uns selbst mit allen Sinnen in das Stadterlebnis begeben – entsteht das Bild der Stadt als „reine Kopfgeburt“ (2). Eine Grundlage für das große Interesse an literarischen Städtebildern, die zu dieser Zeit die Feuilletonseiten der Zeitungen bestimmten. Sie dienen als Wahrnehmungshilfe und Zurechtfindung in der Großstadt, aber auch zur Unterhaltung. Das Sujet Großstadt erfreut sich größter Beliebtheit.

Bienert gibt in seinem Buch Die eingebildete Metropole Rückschlüsse darauf, wie Menschen eine Stadt erleben, welche Verhaltensweisen sie hervorbringen und mit welchem Sinn sie sie belegen. Doch nicht nur die Leserperspektive soll durchleuchtet werden, auch das Medium an sich: Welche Logik steht hinter den literarischen Städtebildern? Mit welcher Struktur werden sie präsentiert? Nach Bienert, sind „literarische Städtebilder […] Hilfen bei der lebensnotwendigen Anverwandlung der modernen Umwelt als ,Heimat‘,“ (20). Die „Heimat“ verkörpert für ihn die Weltstadt Berlin. Dabei geht er ins Detail und versucht anhand markanter Punkte, wie beispielsweise das Gleisdreieck oder der Potsdamer Platz, ein Stadtbild zu entwickeln. Allerdings geht es ihm nicht direkt um die Lokalitäten, sondern vielmehr um die Art, wie etwas betrachtet wird. So wird das Gleisdreieck, einer der bedeutendsten Symbole Berlins mit Faszination, aber gleichzeitig auch mit Schrecken wahrgenommen. Das Beängstigende wird unterstützt durch das Medium der Verbreitung, die zahlreichen Luftaufnahmen, die mit zunehmend entwickelter Technik plötzlich auftauchen. Sie geben die „Illusion einer Verfügbarkeit über die Stadt“ (33), zeigen aber auch deren Grenzen und Nachteile auf. Deutlicher wird dies beim Potsdamer Platz: Die „neue Mitte zwischen den Zentren der früheren Halbstädte“ (60). Verkehrskreuz und zugleich Riesenbaustelle. „Der Platz ist das Angstzentrum der Unfallphantasien“ (65), schildert Bienert die damaligen Gefühle der Einwohner. Beide Orte stehen für eine Epoche, eine Stadt und zeigen deren Weiterentwicklung und Wandlung. Sie spiegeln aber auch wider, dass eine Beschreibung von heute, morgen schon veraltet sein kann. Man bekommt eine „Vorstellung von einer Stadt, die sich unaufhörlich und ziellos wandelt, in der sich nicht etwas verändert, sondern die permanent Veränderung ist“ (69). Bienert bringt in diesem Zusammenhang das Wort „Tempo“ (59) auf, das die unendliche Ziellosigkeit des Stadtbildes Berlin verkörpert.

Neben der Interpretation der Ziellosigkeit gilt „Tempo“ aber auch für Fortschritt. In den 20er Jahren galt Berlin als „Ort der Moderne“ (70). Alles was neu und schick war, beispielsweise der Tonfilm, Flugzeuge oder die elektrischen Eisenbahn wird unter dem Begriff „Tempo“ gefasst, gleichzeitig aber auch Berlin und ihren Bewohnern als Charaktereigenschaft zugeschrieben. Rasend ist also die Mentalität und Lebensweise der Großstädter: Unaufhaltsam. Bienert treibt dies sogar bis zum Äußersten und schreibt, dass „ihr technisches Tempo […] Geist und Seele [morde]“ (76). Dem Gegenüber stellt sich zur Zeit der Weimarer Republik plötzlich ein neues Phänomen: Der Flaneur. Er fällt komplett aus seiner sozialen Rolle und richtet sich gegen die gesellschaftliche Modernisierung, ja weigert sich sogar gegen eine Anpassung an das Tempo der Stadt. Das Flanieren galt als Flucht aus dem Alltag und entwickelte sich regelrecht zur Hingabe des Straßenrausches. Auch mit neuster Technik, beispielsweise dem Auto, wurde Flanerie betrieben.

Da, wie bereits darauf hingewiesen wurde, nicht nur das „was“, sondern auch das „wie“ untersucht werden soll, spielt das „Tempo“ für Bienert noch eine weitere Rolle: Der literarische Aspekt. Um über eine sich so schnell bewegende Stadt zu informieren, muss der Inhalt des Berichts gut bekannt sein, damit der Literat genauso schnell schreiben kann. Diese Erscheinung führt zur Hochkonjunktur eines völlig neuen Genres: Die Reportage und mit ihm, der Reporter. Plötzlich muss der Literat mit „neuen Medien konkurrieren, die Informationen schneller, bunter und leichter konsumierbar an den Mann bringen“ (86). Als Beispiel gibt Bienert Sensationsblätter, Illustrierten, sowie Rundfunk und Film an. Der Reporter ist als urbaner Typ unterwegs. Seine Großstadtmentalität spiegelt sich in seinen Publikationen ab. Seine Aussagen sind umgangssprachlich und meist mit berliner Dialekt. Er nimmt seine Inhalte direkt aus dem Großstadtleben. Um authentisch zu wirken, begibt er sich direkt in die entsprechenden Milieus. Unter dem Begriff der „Expeditionsliteratur“ (137) schleusten sich Reporter unter Obdachlose, um direkt an der Quelle zu sein und einen Augenzeugenbericht mit den eigenen Augen zu veröffentlichen. „Niemals war die stoffliche Unwissenheit der Schreibenden so groß“ (149), bemängelt Bienert.

Doch warum Obdachlose? Die Weltstadteuphorie, die Moderne Berlins, wurde nach dem Börsenkrach 1929 in New York stark gedämpft. Ab 1931 kann man, laut Bienert, auch in Berlin von einem allgemeinen Krisenbewusstsein sprechen. Hohe Arbeitslosenraten, Zukunftslosigkeit unter den Jugendlichen und ansteigende Kriminalitäten beherrschten den Alltag der einstigen „Weltattraktion“ (102). Anstatt Desillusionierung wird in Berlin der Schein gewahrt und weiter gebaut. Die Wahrnehmung dieser Krisenlandschaft veränderte gleichermaßen die Journalisten. Missmutige Äußerungen tauchen in der Presse auf, so zum Beispiel von Heinrich Hauser, ein wichtiger Literat der damaligen Zeit für Bienert, neben Siegfried Kracauer: „Dieses Vorspiegeln, diese falsche Pracht, dieses verlogene Scheinen-Wollen, dieses Hochstaplertum, das ständig versucht, die wahren Verhältnisse zu verschleiern, das ist es, was das Leben in Berlin so erschwert. Wer es sich leisten kann, klammert sich an die Statussymbole der bürgerlichen Welt. Die Gesellschaft spaltet sich in zwei große Gruppen: die einen, die noch Geld genug haben, um den Schein von Wohlhabenheit zu wahren, seien es nun kleine Angestellte oder Unternehmer; und die anderen, die gar nichts mehr haben“ (187).

Abschließend zieht Bienert den Faden vom Stadtbild zur Stadtplanung, die seiner Meinung nach, ausschlaggebend für die Wahrnehmung einer Stadt ist. So führt er an, dass eine Stadt nicht nur Verkehrsknotenpunkt und Zentrum industrieller Produktion sein sollte, sondern auch den Bedürfnissen nach Orientierung, Identifikation und Präsentation ihrer Bewohner nachgehen sollte. Die Weiterentwicklung eines Stadtbildes soll daher nicht nur von materiellem Denken bestimmt werden.

Michael Bienert gibt in seinem Buch einen guten Überblick über die Sichtweise einer Stadt: Wie wir in ihr Leben, welche Entwicklungen wir mitmachen, Probleme bewältigen und wie wir sie wahrnehmen, aber auch wie sie uns und sich selbst verändert. Unterstützt sind seine Argumente durch Fotografien und „Augenzeugenberichte“ der damaligen Zeit, „Städtebilder“ eben, die sehr gute Eindrücke hinterlassen.

Literaturnachweis: Michael Bienert. Die eingebildete Metropole. Berlin im Feuilleton der Weimarer Republik. Stuttgart: Metzler, 1992.