Reisefieber


Ich habe da einen lieben Freund, den ich in Washington D.C. kennenlernte. Ursprünglich kommt er aus Köln, weil er aber in Maastricht studiert, haben wir es immer noch nicht hinbekommen, einen Gegenbesuch auf europäischem Boden zu organisieren. Nachdem mittlerweile zehn Monate vergangen sind, gipfelte die Besuchsplanung:

In einer Email an mich stand allen Ernstes: „. . .du bist nicht zufällig Ende August in Istanbul . . .?“ -> Äh klar – jederzeit . . . In Köln kann sich ja jeder treffen 😉

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Es scheint zwangsläufig, dass sich Weltbilder irgendwann einmal verschieben müssen. Und während wir alle eben noch zusammen studiert haben drehen sich heutzutage die Themen über die richtige Bewerbung, Versicherungen, Einkommenssteuererklärungen und den Start in die Berufswelt. Umso schöner – aber gleichzeitig auch skurriler – ist es dann einen Einblick in eben dieses Leben zu bekommen.

Und so führte uns die Strecke von Göttingen über Bamberg nach Illerbeuren ins Allgäu um dort die Dritte im Bunde zu besuchen – unsere Volkskundlerin, die mittlerweile im Bauernhofmuseum Illerbeuren volontiert. Anläßlich der Winterruhe bekamen wir sogar eine Privatführung durchs Areal des Museums und natürlich auch durchs neue Leben. Schön das das endlich mal geklappt hat!

Als kleiner Hinweis, dass wir nicht nur langsam erwachsen, sondern auch alt werden, dient unten anhängender Bildnachweis: unser Versuch ein Gruppenbild mit Selbstauslöser zu schießen ähnelte dem 60tem Geburtstag von Opa, wo meist nur einer in die Kamera schaut und Opa lediglich von hinten zu sehen ist, weil er es nicht mehr rechtzeitig auf die Couch geschafft hat – Es lebe das Leben 🙂 !

Eis – mal wieder das Verlangen nach Süßigkeiten. Kommt bei mir öfters vor und nach einem ausgiebigem herzhaften Mensa-Essen hatte ich diesmal eine Leidensgenossin. Auf dem Weg zur Eisdiele kamen wir zwangsläufig an einem Reisebüro vorbei. Fast schon flüchtig streiften wir die Sonderangebote, doch dann wurden wir schnell stutziger: 7 Tage Canaren für 299€ – aus dem anfänglichen Witzchen wurde auf einmal ernst. Warum eigentlich nicht? Reif für die Insel sind wir allemal! Also hinein ins Reisebüro und mal nachgehakt: Was für Schnäppchen haben Sie denn noch?

Leider erkannte die Reisefachfrau ( ist das die richtige Bezeichnung? ) überhaupt nicht unser Bedürfnis: sehen – verlieben – zuschlagen. Wie bei so vielem im Leben. Dagegen fragte sie nach genauem Reisetermin und Preislimit. Wir hatten noch nicht aufgegeben: machen Sie doch mal ein paar Vorschläge. Ihr Topangebot: eine Woche Ägypten, irgendwann Mitte Januar im 5 Sterne Hotel mit super Showprogramm. Bitte? Sehen wir so aus als könnten wir uns nicht mehr selbst beschäftigten und bräuchten Animation? Und wie spontan ist eigentlich „Mitte Januar“? Zu dem 5 Sterne Hotel wollte ich mich am liebsten gar nicht mehr äußern. Vielleicht in 30 Jahren, wenn ich eine Ausrede brauche um nicht mehr mit meinem Mann schlafen zu müssen und spaßig organisierter Cluburlaub vom eigentlichen Leben ablenkt. Völlig niedergeschlagen von diesem Angebot gingen wir wieder aus dem Reisebüro. Spontan eine Woche in alle Richtungen verwehen lassen wäre so schön gewesen. Aber das scheint völlig ausgeschlossen… ODER ?

Es war schon fast unmöglich Bern mit dem Auto überhaupt zu erreichen: nachdem meine Mitfahrgelegenheit wegen dem kurzen Aufenthalt in der Schweiz und dem drohenden Jahresende keine Vignette mehr kaufen wollte schlichen wir uns durch die kleinsten Dörfer und höchsten Schluchten (na wenigstens sahen wir etwas von der Schweiz – bei Nacht) an die Hauptstadt heran. Angekommen verhielt sich die Wegessituation aber kein Stückchen besser. Überall wurde abgesperrt und umgeleitet. Grund: der jährliche Zibelemärit (=Zwiebelmarkt). Rund 700 Marktstände kommen an diesem Tage einmalig zusammen. Da hieß es zeitig aufstehen, denn bereits um 4 Uhr morgens können die ersten Waren ersteigert werden.

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Wie sollte es auch anders sein wurde die Tradition schnell zum Folklorismus und neben dem eigentlichen Verkauf der Zwiebelkränze gibt es heutzutage Zwiebeln die zu kleinen Schweinchen oder ähnlichem Getier (mein Favorit: der Tausendfüßler) umfunktioniert wurden sowie: der gänzliche Verzicht auf Zwiebeln und damit Kränze, die leckere Süßigkeiten birgen. Ausuferungen wie die auf jedem Markt üblichen Raggae-Banner und einem Deutschen der Fensterputzmittel unters Volk bringen wollte (peinlich…) waren natürlich auch zu beobachten. Der absolute Renner dieses Jahr war aber eindeutig das Ice Age Eichhörnchen (hat das überhaupt einen Namen?). Da lief ich nichts Böses ahnend durch die Gassen und stehe plötzlich neben einem hohen Stand von dem aus mich unzählbar viele Eichhörnchen-Glubschaugen mitleidig anschauen. Herzlos aufgespießt. Ich mußte an mich halten, aber – ganz stolz – ich kaufte keinen.

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Gerade vom Eichhörnchen-Schock erholt zog mir ein Kleinkind mit einem Gummihammer eins über. Versehen – denke ich bei mir – bis auf einmal zwei erwachsene Männer auf mich zurennen und die Prozedur mit ihren quietschenden Folterinstrumenten wiederholen. Offensichtlich üblich hier und nach ein paar Stunden Markttreiben verlor ich endgültig die Orientierung. Wo war ich nochmal?? Zwiebeln – Eichhörnchen – Fenster putzen: achja – Zibelemärit Bern. Nachdem ich dann auch noch in eine Konfetti-Schlacht geriet, kapitulierte ich endgültig und stieg in den Zug nach Lausanne: bis zum nächsten Jahr 😉 ?

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Ein längst überfälliger Bericht, der mich [uns] noch einmal zurücksetzt auf den 7.Oktober – dem Tag nämlich, als ich das erste Mal nach Bamberg fuhr. Beladen bis obenhin zuckelte ich im Schneckentempo (und dabei hatte ich mich sooo sehr auf unbegrenzte Autobahngeschwindigkeiten gefreut 😉 ) in meine Studienstadt. Doch das Einleben in bamberger Verhältnisse sollte noch etwas auf sich warten lassen, denn in dem Moment, als ich die Haustür aufschloss und mein Auto entladen wollte, hörte ich ein lautes „Hallo“ und die ersten „Kanadier“ liefen die Straße hinunter. Perfektes Timing (weil ich so keine Minute allein war und weil sie mir gleich mal beim Ausladen helfen konnten 😉 ). Ich traf also nicht in Bamberg ein – ich war wieder in Waterloo. Im Laufe des Abends kamen noch weitere Austauschstudenten: insgesamt reisten sie aus Heidelberg, Mannheim, Braunschweig, Genf und Dublin an! Zu Ehren des „Klassentreffens“ und natürlich des „Hallo sagens“ gegenüber Bamberger Freunden wurde am Abend im City Café gefeiert. Leider für „Gastgeber“ natürlich auch immer eine Zwickmühle, weil ich man am Ende nur von einer Person zur anderen springt und gar nicht soviel Zeit mit allen verbringen kann, wie man das gerne getan hätte. Schön war auch das Auftauchen längst vertrauter, aber dennoch unbekannter Personen (Hallo Jürgen!) – Eine bessere Begrüßung hätte es nicht geben können und ich danke allen sehr fürs Kommen! (Sorry übrigens nochmal, dass ich bei der Stadtführung eher schlecht mit Informationen dienen konnte. Aber ich bin nun mal selbst „neu“ hier 😉 )

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Da Abschiede immer eine schlechte Angelegenheit sind, wurde diesmal kurzer Prozess gemacht. Spontan beschlossen wir am Montag nach Heidelberg zu fahren und den Gegenbesuch – zumindest in einer Stadt – anzutreten. Nach zwei wunderschönen Tagen in Heidelberg (hier könnte ich mich auch wohl fühlen…danke für die liebe Gastfreundschaft Juliii) hieß es dann endgültig zurück nach Bamberg und ein „Zuhause“ finden. Der Kurzbesuch in „Kanada“ war aber eine willkommene Alltagspause und ich freue mich schon aufs nächste Treffen.

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Zum Glück bleibt uns heutzutage erspart, dass wir über Ellis Island nach New York reisen müssen und zum Glück haben wir auch bequemere Reisemöglichkeiten. Nach einem ausgiebigem Tag im Financial District entschied ich mich kurzerhand doch auf die Fehre aufzusteigen, das schöne Wetter zu genießen und zur Freiheitsstatur zu fahren.

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Ein Besuch der sich lohnen sollte, denn aufgrund des Datums 9/11 waren sämtliche Museen und der Aufstieg zur Freiheitsstatur kostenlos und die Warteschlangen sehr gering. Auf dem Weg zur Freiheitsstatur begann ich ein Gespräch mit der Frau hinter mir und es stellte sich heraus, dass es Catherine Steinmann war, eine sehr bekannte Fotografin (irgendwie ziehe ich Fotografen an 😉 Das Bild mit mir hat sie gemacht). Sie erzählte mir, dass sie den Aufbau und den Fall des World Trade Centers miterlebt hätte,was ich sehr interessant fand (Das Thema durchzog die ganze Stadt an diesem Tage). Weg vom tragischen Ereignis sprachen wir über ihre Aufenthalte in Paris und Berlin, ihr neues Buch über Tibet und der Kunst des Fotografierens im Allgemeinen. Ich habe noch nie so einen aufgeschlossenen Menschen erlebt, wenn man bedenkt, dass wir uns seit zwei Minuten auf der Fehre kennen. Aber das ist New York. Meine Meinung über die Unpersönlichkeit der Stadt muss ich endgültig revidieren – ich lerne jeden Tag neue Leute kennen, die mit mir ein Stückchen gemeinsam gehen. Man ist nie alleine – erst recht nicht wenn man allein reist…

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Bei der Freiheitsstatur angekommen lief ich in Ruhe das Gelände ab. Der Aufstieg zur Statur war schnell und schmerzlos. Vor mir in der Schlange: Deutsche. Wie sollte es auch anders sein? Es ist unglaublich wieviele deutsche Touristen sich hier rumtreiben. Jedesmal wenn man jemanden deutsch sprechen hört, ist es wie ein Stich ins Herz, denn es erinnert an den baldigen Rückflug. In dem Moment fing ein Angestellter ein Gespräch mit mir an und fragte mich wo ich denn her seie. Die Deutschen schauten mich an und ich sagte ohne zu zögern „Kanada“. Sie drehten sich wieder um und ich hatte wieder meine Ruhe. – Noch nicht! –
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Leider ist es nicht mehr möglich bis rauf zur Fackel zu laufen, so war die Aussicht zwar toll, aber nichts ungewöhnliches. Viel interessanter war da die Ausstellung im Inneren der Statur über die Entstehung und bauliche Einzelheiten. Der nächste Haltepunkt war Ellis Island. Gleich im Eingang stapelten sich die Reisetruhen der Immigranten, was sehr beeindruckend wirkt. An Computern konnte man herausfinden, welche seiner Verwandten über Ellis Island gekommen ist. Von mir: keiner. Leider. Überall hingen Dokumente und Listen der vergangenen Tage, auch viele deutsche Dokumente zu meinem Erstaunen. Es ist interessant zu wissen, dass hier viele Immigranten eintrafen, mit großer Unsicherheit, oftmals krank aber mit unendlicher Hoffnung. Manche von ihnen wurden abgelehnt und mussten ihre lange Reise wieder zurück antreten. Ein schrecklicher Gedanke. Bei solchen Zeitzeugnissen wird einem bewußt, wie gut wir es doch haben und wie sehr uns doch die Welt offen steht. Ich bin froh über jeden Tag, den ich in der „Fremde“ verbringe.

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Nach soviel Gesellschaft in den vergangenen zwei Wochen war es fast schon ein mulmiges Gefühl alleine mit dem Bus weiterzureisen. Aber unsere Pläne gingen weit auseinander und nach zwei Wochen gemeinsam war für jeden Zeit alleine seine Schritte zu setzen. Susi flog nach Toronto, Julia nach Las Vegas, die Jungs brachen in die Rockies auf und ich fuhr Seattle entgegen. Dort war ich mit Philip verabredet, einem jungen Fotografen mit überdurchschnittlichen tollem Talent. Begeisterungsfähig wie ich bin, schmolz ich beim Anblick der Fotos dahin.

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Nur ein Wochenende sollte es in Seattle werden, was natürlich bei weitem zu wenig ist. Glücklicherweise hatte ich mit Philip einen klaren Heimvorteil und er fuhr mich mit den Auto zu den schönsten Plätzen. So konnte ich innerhalb der kurzen Zeit das meiste mitbekommen.

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Fast war es auch schon, als gehörte ich schon immer dazu. Philips Mitbewohner nahmen mich super lieb auf und ich hatte mein eigenes Zimmer zur Verfügung. Für einen Wochenendgast ganz schön luxuriös. Am ersten Abend gingen wir in einem „New Mexican“ Restaurant essen um „meine Ankunft in den Staaten zu feiern“, wie es hieß. Da ließ ich mich nicht zweimal bitten. Am zweiten Abend waren wir auf der Geburtstagsfeier eines Freundes eingeladen – Noah Star: der Name war Programm. Ich fühlte mich wie in Woodstock und tanzte ausgelassen mit dem Geburtstagskind. Nunja, zumindest nachdem er endlich von der Umarmung mit mir abgelassen hatte. „He is full of love“ hieß es; – na denn 🙂 Man man man, auf Reisen lernt man vielleicht manchmal Leute kennen –

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Ein schöneres „einheimisches“ Wochenende hätte ich gar nicht in Seattle haben können. Damit sich Philip das Reisegeld für den Gegenbesuch in Deutschland leisten kann, hier mal ein bischen Schleichwerbung: Der Kalender „Marokko“ im Weingarten Verlag erschienen für 2007 mit einigen seiner Fotos.
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