Unterwegs in den Staaten


An und für sich hat es ja nichts schlechtes: das langsame Fahren auf der Autobahn. Man spart ein bischen Benzin und kann zusätzlich die landschaftlichen Eindrücke genießen, ein Sandwich essen oder die Musik wechseln. So war das Autobahnfeeling zumindest in den Staaten. Mit wahnsinnig atemberaubenden 65 Meilen bei freier Autobahn kann dies – allerdings – auch schon mal zur Folter werden. Da kam dann doch die Sehnsucht: von Deutschland und der unbegrenzten Fahrmöglichkeit- Ja, ich bin eine Raserin und ich gebe es offen zu.

Da freut man sich doch über Testberichte , wie zum Beispiel den neuen Porsche Cayenne, bei dem der Tagesspiegel schrieb: „das es zwar idiotisch ist, aber einen Heidenspaß macht mit einem Vollgas-Burnout derart ins Gelände [zu] schießen, daß rundherum die Vögel ohnmächtig von den Bäumen fallen.“ [03.02.07] Und jetzt soll sie kommen: die Höchstgeschwindigkeit von 130km/h bei uns ? ? Natürlich bin ich jederzeit bereit etwas für die Umwelt zu tun, aber Flugverbot und Tempolimit ? ? Solange wie ich kann, werde ich weiterhin Gas geben. Daran wird auch mein neuer Punkt in Flensburg („Mist!“) nichts ändern . . .

Eigentlich war ich in Harlem unterwegs um etwas in die Geschichte dieses Viertels einzutauchen. Als fast einzige Weisse auf der Straße kann ich nicht sagen, dass ich mich dabei wohl fühlte. So war ich froh, als ich in die 122 Straße Ecke Lenox Avenue einbiegen konnte, weil sich dort ein paar alte Häuser befinden sollten. Die Häuser gab es auch, daneben aber auch noch viel mehr: Ich rannte mitten in einen Filmdreh von Universal. Es handelte sich dabei um „American Gangster“ mit Denzel Washington und Russel Crow.

Damit verbinde ich voll und ganz das Leben in New York City: man rennt unbewußt in die anstrusesten Sachen 🙂

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Zum Glück bleibt uns heutzutage erspart, dass wir über Ellis Island nach New York reisen müssen und zum Glück haben wir auch bequemere Reisemöglichkeiten. Nach einem ausgiebigem Tag im Financial District entschied ich mich kurzerhand doch auf die Fehre aufzusteigen, das schöne Wetter zu genießen und zur Freiheitsstatur zu fahren.

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Ein Besuch der sich lohnen sollte, denn aufgrund des Datums 9/11 waren sämtliche Museen und der Aufstieg zur Freiheitsstatur kostenlos und die Warteschlangen sehr gering. Auf dem Weg zur Freiheitsstatur begann ich ein Gespräch mit der Frau hinter mir und es stellte sich heraus, dass es Catherine Steinmann war, eine sehr bekannte Fotografin (irgendwie ziehe ich Fotografen an 😉 Das Bild mit mir hat sie gemacht). Sie erzählte mir, dass sie den Aufbau und den Fall des World Trade Centers miterlebt hätte,was ich sehr interessant fand (Das Thema durchzog die ganze Stadt an diesem Tage). Weg vom tragischen Ereignis sprachen wir über ihre Aufenthalte in Paris und Berlin, ihr neues Buch über Tibet und der Kunst des Fotografierens im Allgemeinen. Ich habe noch nie so einen aufgeschlossenen Menschen erlebt, wenn man bedenkt, dass wir uns seit zwei Minuten auf der Fehre kennen. Aber das ist New York. Meine Meinung über die Unpersönlichkeit der Stadt muss ich endgültig revidieren – ich lerne jeden Tag neue Leute kennen, die mit mir ein Stückchen gemeinsam gehen. Man ist nie alleine – erst recht nicht wenn man allein reist…

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Bei der Freiheitsstatur angekommen lief ich in Ruhe das Gelände ab. Der Aufstieg zur Statur war schnell und schmerzlos. Vor mir in der Schlange: Deutsche. Wie sollte es auch anders sein? Es ist unglaublich wieviele deutsche Touristen sich hier rumtreiben. Jedesmal wenn man jemanden deutsch sprechen hört, ist es wie ein Stich ins Herz, denn es erinnert an den baldigen Rückflug. In dem Moment fing ein Angestellter ein Gespräch mit mir an und fragte mich wo ich denn her seie. Die Deutschen schauten mich an und ich sagte ohne zu zögern „Kanada“. Sie drehten sich wieder um und ich hatte wieder meine Ruhe. – Noch nicht! –
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Leider ist es nicht mehr möglich bis rauf zur Fackel zu laufen, so war die Aussicht zwar toll, aber nichts ungewöhnliches. Viel interessanter war da die Ausstellung im Inneren der Statur über die Entstehung und bauliche Einzelheiten. Der nächste Haltepunkt war Ellis Island. Gleich im Eingang stapelten sich die Reisetruhen der Immigranten, was sehr beeindruckend wirkt. An Computern konnte man herausfinden, welche seiner Verwandten über Ellis Island gekommen ist. Von mir: keiner. Leider. Überall hingen Dokumente und Listen der vergangenen Tage, auch viele deutsche Dokumente zu meinem Erstaunen. Es ist interessant zu wissen, dass hier viele Immigranten eintrafen, mit großer Unsicherheit, oftmals krank aber mit unendlicher Hoffnung. Manche von ihnen wurden abgelehnt und mussten ihre lange Reise wieder zurück antreten. Ein schrecklicher Gedanke. Bei solchen Zeitzeugnissen wird einem bewußt, wie gut wir es doch haben und wie sehr uns doch die Welt offen steht. Ich bin froh über jeden Tag, den ich in der „Fremde“ verbringe.

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Es ist genau fünf Jahre her seit dem schrecklichen Anschlag auf das World Trade Center. Pünktlich zu diesem Jahrestag kursieren auch wieder neue Videos im Internet, die eindeutig beweisen, dass dies keine terroristische Hand war, sondern ein Angriff aufs eigene Land. Strategie.

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Ich wollte unbedingt mit eigenen Augen sehen, was in New York am 11. September „los ist“ und wie die Amerikaner zu diesem „Ereignis“ stehen. Der komplette Ground Zero war geschmückt mit Fotos von Verblichenen, Briefen und Blumen. Im Hintergrund werden die Namen der Toten verlesen und immer mal wieder zwischendurch Reden von Zurückgebliebenen, Tränen, Verzweiflung. Daneben sitzt ganz ruhig eine buddhistische Gruppe auf dem Boden und trommelt für den Frieden. Demonstranten schreien auf der Straße und fordern die Wahrheit von der Regierung. Ein Mann schreibt auf sein Shirt „Bush voters are not welcome here“, was die Situation zum Platzen bringt. Ein älterer Herr fühlt sich angegriffen und schreit, das er Bush immer wieder wählen würde und das es sich hier um eine Tragödie handelt, die in den Dreck gezogen wird. Ich hätte nie gedacht, dass es sowas geben wird, aber auch deutliche Bush-Fürworter waren vor Ort: „Support our President and our Troops“ lautete es auf einem Plakat. Überall geraten unterschiedliche Meinungen aufeinander und es war ganz deutlich zu spüren, dass es kein „in between“ gibt. Für oder gegen Bush hieß es an diesem Tage und jeder versuchte seine Meinung zu äußern. 9/11 ist also auch nach fünf Jahren ein sehr heikles Thema. Die Unsischerheit war deutlich spürbar.

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Ganz amerikanisch schickte man an der Stelle, wo das World Trade Center stand zwei blaue Lichtstrahlen in den Himmel und ganz religiös standen Prediger an allen Ecken, um dich „aufzufangen“. Eine wirklich seltsame Stimmung die dort in der Luft lag, aber definitiv ein interessantes Erlebnis. Fast genauso spannend, wie anschließend den Weg wieder Heim zu finden, denn viele Ubahnstationen waren geschlossen, überall Verriegelungen. Man kann nie vorsichtig genug sein – besonders in Amerika???

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Nach soviel Gesellschaft in den vergangenen zwei Wochen war es fast schon ein mulmiges Gefühl alleine mit dem Bus weiterzureisen. Aber unsere Pläne gingen weit auseinander und nach zwei Wochen gemeinsam war für jeden Zeit alleine seine Schritte zu setzen. Susi flog nach Toronto, Julia nach Las Vegas, die Jungs brachen in die Rockies auf und ich fuhr Seattle entgegen. Dort war ich mit Philip verabredet, einem jungen Fotografen mit überdurchschnittlichen tollem Talent. Begeisterungsfähig wie ich bin, schmolz ich beim Anblick der Fotos dahin.

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Nur ein Wochenende sollte es in Seattle werden, was natürlich bei weitem zu wenig ist. Glücklicherweise hatte ich mit Philip einen klaren Heimvorteil und er fuhr mich mit den Auto zu den schönsten Plätzen. So konnte ich innerhalb der kurzen Zeit das meiste mitbekommen.

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Fast war es auch schon, als gehörte ich schon immer dazu. Philips Mitbewohner nahmen mich super lieb auf und ich hatte mein eigenes Zimmer zur Verfügung. Für einen Wochenendgast ganz schön luxuriös. Am ersten Abend gingen wir in einem „New Mexican“ Restaurant essen um „meine Ankunft in den Staaten zu feiern“, wie es hieß. Da ließ ich mich nicht zweimal bitten. Am zweiten Abend waren wir auf der Geburtstagsfeier eines Freundes eingeladen – Noah Star: der Name war Programm. Ich fühlte mich wie in Woodstock und tanzte ausgelassen mit dem Geburtstagskind. Nunja, zumindest nachdem er endlich von der Umarmung mit mir abgelassen hatte. „He is full of love“ hieß es; – na denn 🙂 Man man man, auf Reisen lernt man vielleicht manchmal Leute kennen –

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Ein schöneres „einheimisches“ Wochenende hätte ich gar nicht in Seattle haben können. Damit sich Philip das Reisegeld für den Gegenbesuch in Deutschland leisten kann, hier mal ein bischen Schleichwerbung: Der Kalender „Marokko“ im Weingarten Verlag erschienen für 2007 mit einigen seiner Fotos.
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Wenn ich ein was gelernt habe, dann, dass es an Unmöglichkeit grenzt mit dem Auto in Manhattan unterwegs zu sein. Blauäugig wie wir waren, haben wir natürlich nicht an das Verkehrschaos in New York gedacht. Nach stundenlangen sinnlosen Kreisen durch die Straßen wurden wir endlich mit einer Parklücke gesegnet.

Allerdings: für den darauf folgenden Tag kündigte sich die Straßen-Putzkolonne an. Von 8 bis 10 Uhr musste die Straße leergefegt werden, im doppelten Sinne. Es scheint aussichtslos zu sein, überhaupt jemals eine gute Lösung für einen Autostandplatz zu finden. So schnell gaben wir aber nicht auf und hatten den ultimativen Plan: Früh aufstehen – Coffee To Go & Donuts – Ausharren im Auto. Wir hielten uns für besonders clever, denn die Lösung schien einfach: Frühstück im Auto und auf das Putz-Team warten, Auto kurz beiseite fahren und anschließend einen neuen Parkplatz finden. Nach dem Durchrauschen der Putzkolonne sollte es ja genügend Möglichkeiten geben.

Es wurde 8, es wurde 9. Kein einziges Auto in unserer Straße bewegte sich. Wir stiegen aus und stellten mit Entsetzen fest, dass der komplette Straßenzug in ihren Autos saß. Soviel zu unserer einzigartigen Idee. In dem Moment kam das Putzauto. Alle Motoren sprangen an und die Autos fuhren entweder kurz nach links auf die Gegenfahrbahn oder nach rechts auf den Bordstein, um dann sofort nach dem Putzauto so schnell wie möglich wieder in die alte Parklücke zurückzusetzen. Gefahr lauerte durch Autos die dem Putzzug folgten, in der Hoffnung irgendwo schneller in einen Parkplatz setzen zu können. Für meine Einparkqualitäten wäre das nix gewesen. Aufregung pur. So etwas Irrsinniges habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Im Auto vor uns saß ein Student, der offensichtlich für diesen Job bezahlt wurde. Unglaublich. Anschließend noch die Zeit bis 10 Uhr absitzen, falls eine Polizeikontrolle kommt.

Parkplatz gesichert: bis zur nächsten Straßenfegung 🙂

Es sollte der aufregendste Tag in meinem Leben werden: Ankunft in NYC.

Nach 13 Stunden (oder waren es mehr?) Schmerzen verursachender Busfahrt kam ich mitten auf dem Times Square an. Die E-Mail mit meinen weiteren Instruktionen kannte ich Wort für Wort auswendig: Warte an der Ecke 8th Avenue und 40th Straße; ich sitze in dem einzigen gelben Auto ohne Taxi-Schild. Allein den Ausgang in dem riesigen Bus-Terminal zu finden gestaltete sich schwieriger als ich vermutete. Aber nichts ist unmöglich. Als ich auf die Straße trete, glaubte ich meinen Augen nicht. Auf einer dreispurigen Straße drängte sich der Verkehr: ich sah nicht rot – ich sah gelb. Soviele Taxis hatte ich in meinem Leben nicht gesehen. Wie sollte ich da den gelben Chevrolet meines Freundes ausfindig machen?

Mutig kämpfte ich mich mit all dem Gepäck, welches mich sofort als Tourist entlarvte, zum vereinbarten Treffpunkt. Das war also New York? Der Times Square war groß, laut, bunt und hektisch. Ständig hupten die Taxis, Leute schrieen und genau an der vereinbarten Ecke wurde auch noch gebaut. Der Presslufthammer dröhnte in mein Gehirn während ich verzweifelt darauf hoffte, jeden Moment meinen Freund in der Menge zu erblicken. Mein Bus hatte anderthalb Stunden Verspätung, also rechnete ich nicht mehr damit, dass er noch vor Ort sein würde. Parkplätze auf dem Times Square gibt es nicht. Ich erinnerte mich, dass er gegebenenfalls das Auto parken und zu Fuß kommen würde. Hoffentlich bald. Mit all meinem Gepäck und ohne Geld saß ich da.

Die Menschen sind in New York besser gekleidet, fiel mir auf. Hinter mir war ein Hot Dog Stand, dessen Duft mir Hunger machte. Die Zeit verging…noch eine Stunde, dachte ich bei mir. Einen Parkplatz zu finden ist nicht leicht in Manhattan. Dann noch zurücklaufen wird auch Zeit in Anspruch nehmen. Mir blieb keine andere Wahl. Zwar hatte ich eine Adresse, aber keinen Namen. Ich hielt es für sicherer am Treffpunkt zu bleiben. Nach vier Stunden fing ich langsam an zu verzweifeln. In dem Moment , als ich mich bei dem Gedanken ertappte, den Hot Dog Verkäufer um etwas zu essen anzuschnorren, tippte mich ein Penner an um nach Kleingeld zu fragen. Resigniert erklärte ich ihm, dass ich keinen Penny hätte. Mit einem Blick auf mein Gepäck fragte er plötzlich mitleidig „ Oh my god, are you homeless?“

Jetzt reicht`s. Ich habe noch Hoffnung, erklärte ich ihm, schnallte mir meinen riesigen Trekkingrucksack um und machte mich auf den Weg durch Manhattan. So hilflos bin ich auch wieder nicht. Am ATM mit den teuersten Gebühren zog ich mir etwas Cash und verstaute es paranoid in 10 verschiedenen Taschen. Sicher ist sicher. Nächste Mission: Freund erreichen. Ich bahnte mir den Weg zum nächsten Internetcafè und war sichtlich erleichtert, eine Mail bekommen zu haben.“?????????????“ stand ganz groß in der Betreffzeile. Nachdem er 1000Mal mit dem Auto den Times Square umrundet hatte, entschied er sich zuhause auf mich zu warten. Missverständnis. Wenigstens hatte ich jetzt alle nötigen Informationen. Die Zeit lief ab, also schrieb ich zurück: Bus zu spät – habe gewartet – nehme Taxi – bleibe wo du bist – bis gleich!

Doch nicht homeless. Hallo New York!

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